„Er hat Situationen in denen er sehr lange mäandernde Antworten gibt, sodass tatsächlich die Antwort mittendrin ist aber man das gar nicht wahrnimmt“
Mitten im Haushaltsstreit 2024 stand Olaf Scholz unter enormem Druck: Einerseits musste er die Forderungen seiner Koalitionspartner, insbesondere der FDP in Bezug auf die Schuldenbremse, berücksichtigen; andererseits wuchs der Widerstand innerhalb der eigenen Partei. Rückblickend lässt sich erkennen, wie stark diese Dynamiken Scholz’ Regierungshandeln prägten. In dieser angespannten Lage trat er vor die Öffentlichkeit, sprach beim Bundesverband der Deutschen Industrie über Fortschritte beim Bürokratieabbau und der Planungsbeschleunigung. Dabei vermittelte er Ruhe, Kontrolle und Gelassenheit, selbst wenn die internen Verhandlungen deutlich komplizierter und konfliktbeladener verliefen.
Dieses Vorgehen entsprach exakt dem Verhalten eines Taktikers: planvoll, strategisch und analytisch. Scholz steuerte Gespräche mit kühlem Kopf, wog Optionen ab und agierte oft im Hintergrund, um langfristige Lösungen zu erzielen. In staubtrockenen Verhandlungen funktionierte diese Taktik hervorragend. Sie sorgte für Stabilität, minimierte Risiken und erlaubte ein kalkuliertes Vorgehen.
Doch was passierte mit der Rolle des Taktikers, wenn die Situation hitzig wurde? Das Jahr 2024 war geprägt von emotionalen Krisenzeiten. Die Bevölkerung sah sich mit zahlreichen Gewalttaten und Anschlägen konfrontiert, die Wirtschaft schwächte sich ab, und die Kosten für nahezu alles stiegen. Für Scholz ging es daher nicht nur darum, die Partei zu steuern oder Gesetze durchzusetzen. Er musste versuchen, seinen Wählerinnen und Wählern gerecht zu werden, die tagtäglich mit realen Problemen rangen.
Hier stieß das starre Festhalten an der Taktiker-Rolle klar an seine Grenzen. Rückwirkend können wir betrachten, dass Scholz mehr und mehr kaltherzig, wenig emotional und unnahbar wirkte. Seine Worte waren zwar sachlich korrekt, doch ohne emotionale Resonanz erreichten sie die Menschen kaum. Seine typischen Antworten? Abstrakt, technokratisch, teilweise leere Floskeln ohne konkrete Lösung, verstärkten diesen Eindruck zusätzlich.
Was oft wie leere Worte wirkte, war laut Politikwissenschaftler Moritz Kirchner jedoch nur eine von Scholz’ diversen Taktiken:
- Redefinition: Er beantwortete schwierige Fragen, ohne sie direkt zu beantworten, und führte das Gespräch in einen neuen Rahmen.
- Adlertaktik: Bei unklaren Fragen stieg er in die Abstraktion und sprach über grundsätzliche Prinzipien.
- Reframing: Er setzte negative Situationen in einen positiven Kontext.
Diese Methoden konnten in einzelnen Situationen nützlich sein, gehörten aber nicht zu den zentralen Eigenschaften eines guten Taktikers. Ein echter Taktiker agiert analytisch, strategisch und zielorientiert, nicht rhetorisch verschleiernd.
Ein erfolgreicher Verhandler, egal ob Politiker oder nicht, muss in der Lage sein, klare Antworten auf klare Fragen zu geben. Wird jede Antwort schwammig formuliert, leidet das Vertrauen schnell. Zudem muss auch ein Taktiker Menschlichkeit zeigen. Er muss nicht zum Charmeur werden, doch er sollte eine menschliche Nähe herstellen, die es ihm ermöglicht, aktuelle Problemlagen klar zu erkennen. Nur so kann er seine taktischen Züge sinnvoll ausrichten, in der Politik ebenso wie im Unternehmen oder im Privaten.
Genauso wie Donald Trump seine Rolle als „Gamer“ überkompensierte, überinterpretierte Scholz seine Rolle als Taktiker. Damit wurde er rückwirkend betrachtet zum Pedanten, der nicht aus seiner eigenen Haut konnte. Folglich wirkte er auf viele Wählerinnen und Wähler oft unmenschlich, unnahbar und schlicht farblos. Für einen Taktiker mag das ein hervorragendes Attribut sein. Für einen Kanzler jedoch nicht.
Scholz’ Unfähigkeit, kommunikative Flexibilität zu zeigen, trug maßgeblich zu seiner politischen Entfremdung von der Wählerschaft bei und war ein entscheidender Faktor dafür, dass er letztlich abgewählt und nicht wiedergewählt wurde.